Der Deutsche Schulpreis 2006
Eindrücke von Thomas Maschke, Schulleiter

Februar 2006

Die Kollegin Leuschner-Rot entdeckt die Ausschreibung der Robert-Bosch-Stiftung in der Zeitung und informiert einzelne Kollegen. Zwei Wochen Zeit bleiben noch, um die Bewerbung schriftlich – nach den vorgegebenen Kategorien, welche als „Qualitätsbereiche“ bezeichnet wurden – auszuarbeiten und einzureichen.
Eine Gruppe von sechs Kollegen bildet sich und erarbeitet die Bewerbung. Ein reger Austausch (per E-Mail am Wochenende und in diversen Besprechungen) setzt ein. Alle Kollegen werden aufgefordert, ihre Erfahrungen einfließen zu lassen: Was haben wir zu bieten? Ist unsere Bewerbung überhaupt gerechtfertigt? Diese Fragen bewegen uns während der intensiven Arbeit. Diesen Prozess kann man als einen der „internen Evaluation“ bezeichnen. Das Kollegium stimmt der Bewerbung zu und verpflichtet sich damit gleichzeitig, die Erfahrungen der Kaspar Hauser Schule ggf. auch anderen Schulen zugänglich zu machen.
Eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens wird gesucht, um die Patenschaft für unsere Bewerbung zu übernehmen: Frau Dr. Hoehne, Kinder- und Jugendpsychiaterin und Kreisrätin aus Friedrichshafen, erklärt sich bereit und schreibt eine unsere Bewerbung unterstützende Stellungnahme, in welcher zum Einen die Entwicklung der Kaspar Hauser Schule im Sinne der Öffnung und der sich erweiternden Kompetenz, andererseits die Bedeutung der Schule für die Region betont werden.
Ich frage Kolleginnen und Kollegen, was ihrer Meinung nach das Besondere an unserer Schule ist. Die Antworten decken sich in einem Bereich mit meinen eigenen Gedanken: es ist der Glaube an das Wissen um die Entwicklungsfähigkeit eines jeden Kindes. Dieses Leitmotiv kann, als fester Bestandteil der pädagogischen Motivation, allein manche positive Wirkung um/ auf den Schüler hervorbringen.

Die Kategorien der Bewerbung

Die Robert-Bosch-Stiftung und die Heidehof-Stiftung setzen mit den vorgegebenen Kategorien Maßstäbe und benennen damit gleichzeitig, was die Verantwortlichen für den Schulpreis als wichtig oder gar konstitutiv für „gute Schulen“ halten. Sie wollen Schulen bewerten und miteinander vergleichen: unter Berücksichtigung der jeweiligen Ausgangssituation. Geht das überhaupt?
„Grundlage des Deutschen Schulpreises ist ein umfassendes Verständnis von Lernen und Leistung. Dieses kommt in 6 Qualitätsbereichen zum Ausdruck. Schulen, die sich um den Deutschen Schulpreis bewerben, müssen in allen Bereichen mindestens gut und in einem Bereich weit überdurchschnittlich abschneiden“ (aus der Ausschreibung).
Die Kategorien sind

  • Leistung
  • Umgang mit Vielfalt
  • Unterrichtsqualität
  • Verantwortung
  • Schulklima, Schulleben und außerschulische Partner
  • Schule als lernende Organisation.

Der Bereich Leistung sei hier exemplarisch beleuchtet. In unserer Beschreibung der Arbeit an der Kaspar Hauser Schule wird nicht nur darauf abgehoben, dass wir eine überdurchschnittlich hohe Quote an staatlichen Abschlüssen erreichen. Der Wert der musischkreativen Anteile, also des künstlerischen Unterrichtes oder: des künstlerisch gestalteten Unterrichtes, für die kognitiven Lernerfolge wird herausgestellt. Dies ist ja ein Ergebnis der PISA-Studie, welches allzu leicht verschwiegen oder vergessen wird. Hier haben wir einiges zu bieten, wie allgemein anerkannt wird.

Die Nominierung

Nach einigen Wochen schließlich kommt die Mitteilung per Mail: wir sind nominiert! Der Besuch der Jury wird angekündigt, ebenso derjenige des ZDF-Teams. Allgemeine Aufregung: wer bereitet wie diese beiden Besuche vor? Am letzten Schultag vor den Pfingstferien sitzen alle Kollegen zusammen und bestätigen die bisherige Vorbereitungsgruppe als Organisations-Komitee. Was muss „fernsehgerecht“ hergerichtet werden, wie müssen wir uns für den Besuch der pädagogischen Fachleute vorbereiten. Der ZDF-Besuch führt dazu, einige in der letzten Zeit aus dem Bewusstsein verlorene Ecken im Gelände und Gebäude zu ergreifen: Schüler und Lehrer arbeiten gemeinsam an der Pflege der Schule. Aufbruchstimmung. Was wollen wir der Jury zeigen? Welche Elemente unserer Pädagogik sind für eine Beurteilung geeignet? Machen wir einen besonderen Stundenplan? Vielfalt soll erlebbar werden, nichts wird geschönt.

Der Besuch des ZDF

Am Montag, den 3. Juli ist es soweit. Ein Team aus zwei vom ZDF beauftragten „Filmleuten“ besucht unsere Schule. Die Kinder sind aufgeregt, die zu besuchenden Lehrer nicht minder. Fragen für einen Kollegen, eine Schülerin und den Hausmeister liegen vorher vor.
Ich habe den Eindruck, dass wir den Tag gut meistern konnten. Keiner weiß jedoch, was für den kurzen Internet-Beitrag ausgewählt wird, selbst die Kameraleute nicht. Wir sind also gespannt. Das Ergebnis kann über den Link … auf unserer Homepage angesehen werden.

Die Jury

In derselben Woche kommt am Donnerstag und Freitag die Fachjury des Deutschen Schulpreises zu uns (6. und 7.7.). Wir sind erfreut und ein wenig bange, dass der Sprecher der Jury, Professor Dr. Peter Fauser, persönlich dabei sein wird. Wieder dir Frage, was sollen wir präsentieren, ohne zu übertreiben und um ein möglichst umfassendes Bild zu bieten. Das Orchester muss auf jeden Fall dabei sein. Die Ausstellung der künstlerischen Arbeiten von der Projektprüfung der 9.-Klässler bleibt aufgebaut. Aber nicht nur die künstlerischen Fächer an sich, sondern gerade ein Unterricht, der diese Elemente ebenfalls aufweist, soll gezeigt werden. Und die Frage nach der Belastbarkeit unserer Schüler begleitet uns ebenso: machen sie alles mit, wird es ihnen nicht irgendwann zuviel? Die zweite Orchesterstunde erfüllt unsere diesbezüglichen Erwartungen.
Manche Äußerungen der Jurymitglieder erfreuen uns. Z.B. ist ein bayerischer Lehrerbildner erstaunt darüber, dass die Inhalte des Physikunterrichtes der 6. Klasse „an das Leben angeschlossen“ sind. – Unsere Gespräche mit der Jury zeigen deren Interesse an unserer Art, Schule zu machen.
Viele Nachfragen lassen uns selber nachdenken. Die von uns zuvor ausgewählten Materialien (Dokumente über einzelne Unterrichte, Klassenfahrten, Projektwoche, Pressemappe u.v.m.) welche ausliegen, werden wahrgenommen und studiert. Wir fühlen uns wahrgenommen und in unserem Anliegen verstanden. Der Besuch kann als eine fachlich fundierte externe Evaluation verstanden werden.
Beeindruckt zeigt sich die Jury besonders von ihrem Gespräch mit den Vertretern der Elternschaft. Dies wird sowohl uns mitgeteilt, als auch auf der den Besuch abschließenden Pressekonferenz ausdrücklich betont.
Professor Fauser verabschiedet sich mit den Worten: „Wir sehen uns wieder in Berlin!“

Treffen der nominierten Schulen aus Baden-Württemberg

Die Stephen-Hawking-Schule aus Neckargemünd lädt uns und die Bodenseeschule St. Martin aus Friedrichshafen zu einem Besuch ein. Kennen lernen der jeweiligen Konzepte und der dazugehörigen Menschen (vor dem Besuch in Berlin) stehen auf dem Programm. Ein interessanter Tag, welcher uns zeigt, dass wir bei aller Unterschiedlichkeit im Austausch miteinander immer bereichert werden können. Einige Tage nach diesem Besuch ruft eine Dame aus Friedrichshafen erneut an und fordert mich auf, an den Treffen des „Blick über den Zaun“ teilzunehmen: „Da gehört ihr auf jeden Fall dazu!“

Berlin, 10. – 12.12.2006

Von der zurückliegenden Fußball-WM kennen wir alle den Slogan: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin …“ Es dürfen zehn Repräsentanten der Schule bei der Preisverleihung dabei sein. Wir wählen vier Schülerinnen und Schüler, eine Vertreterin der Eltern, unseren Hausmeister und vier Lehrer aus. Ein Rahmenprogramm wird erstellt, welches den festlichen Charakter des Besuches in der Hauptstadt unterstreichen soll.
Am Sonntag fliegen wir von Zürich aus nach Berlin. Dort ist am Abend in der Berliner Repräsentanz der Bosch-Stiftung ein Empfang für alle nominierten Schulen vorbereitet. In der U-Bahn treffen wir die Delegation aus Fürth. Der Abend wird durch die Vorstellung aller 18 Schulen auf dem Podium eingeleitet. Fragen zur jeweiligen Schule an die Schulleiter und jeweils ein Schülervertreter werden gestellt und zeigen das große Spektrum der durch die nominierten Schulen vertretenen pädagogischen Praxis. Beim anschließenden festlichen Essen kommen durch das Anstehen am Buffet vielfältige Gespräche mit Vertretern anderer Schule zustande. Man merkt, dass die Spannung steigt, dennoch siegt im Moment noch die Ausgelassenheit. Der Vertreter der Bosch-Stiftung, der auch schon beim Jury-Besuch an unserer Schule dabei war, bemerkt freundlich: „Ich beobachte Ihren Tisch schon den ganzen Abend und bin beeindruckt, wie viel Spaß Sie mit ihren Schülern haben.“ Die an alle Schulvertreter ausgegebenen Insignien der Nominierung (Schulpreis-Kappe und Mainzelmännchen-Figur) finden besonders bei den Schülern großen Gefallen.
Der Tag der Preisverleihung beginnt mit einem sehr frühen Frühstück, da die Schulleiter bereits um 8 Uhr (also 3 Stunden vor Beginn der Live-Sendung) „in die Maske“ müssen. Ich lerne wieder einen interessanten Menschen kennen: den Schulleiter einer nordrhein-westphälischen Grundschule, der im selben Hotel übernachtet. Er berichtet davon, dass er viele renommierte Schulen kennt, die sich zwar beworben haben, jedoch nicht nominiert wurden.
Das Treffen der 18 Schulleiter bei der Maskenbildnerin ist eine heitere Angelegenheit. Frauen werden viel aufwändiger geschminkt als Männer. Je höher bei den Männern die Stirn, desto mehr Puder muss verwendet werden.
In den Warteraum kommen Vertreter der Stiftungen und zeigen sich in den Gesprächen sehr gut über die jeweiligen Schulen informiert. Das Gefühl, dass heute nichts schief gehen kann, steigert sich. Immer wieder wird betont, dass allein die Nominierung ein Riesenerfolg ist.
Während Uwe Ochsenknecht mit seiner Band im Übertragungssaal probt, dürfen wir weiter bei Kaffee und Brötchen auf unseren Auftritt warten. Die Brötchen bleiben erstaunlicherweise fast unangetastet, dafür gibt es dauernd Besuche auf der Toilette. Um viertel vor 10 dürfen wir endlich in den Übertragungssaal, einen überdachten Innenhof, der Helligkeit und Moderne ausstrahlt, und unsere namentlich markierten Plätze einnehmen.
Der Moderator der Live-Fernsehsendung betritt die Bühne und begrüßt besonders die anwesenden Kinder. Vor lauter Honoratioren hätte man diese eigentlichen Hauptpersonen fast übersehen können. Als der Bundespräsident den Raum betritt, erheben sich alle, wie am Tag zuvor geprobt. Nun beginnt die Fernsehsendung. Wer von den Anwesenden war zuvor in seinem Leben live im Fernsehen? Die Aufregung wird immer größer. In kurzen „Einspiel-Filmen“ werden alle 18 nominierten Schulen kurz vorgestellt. Unsere Schule kommt als 18. an die Reihe.
Die vier Anerkennungspreise werden nacheinander verliehen. Der Kollege aus Braunschweig mit dem Stofftier-Maskottchen freut sich sichtlich. Dass die Max-Brauer-Schule aus Hamburg zu den Preisträgern zählt, entspricht meinen Erwartungen.
Die Gewinnerschule aus Dortmund wird vorgestellt. Eine Kamera fährt, durch Regieanweisungen geleitet, zuvor in Richtung der vor der Bühne auf Kissen sitzenden Grundschulkindern. Meine Nachbarin, unsere Schülervertreterin Renate, fragt: „Bist du nicht ein bisschen enttäuscht?“ – Ich leugne zuerst, muss bei einem Nachhorchen in meinem Innersten diese Frage allerdings bejahen. Doch die Enttäuschung weicht. Kollegen der Bodensee-Schule kommen auf mich zu und sagen: „Euch hätten wir den Preis wirklich gegönnt!“ Ich suche den Bundespräsidenten, weil meine Schülerin Petra ihm doch einen Brief geschrieben hat, den sie nun übergeben möchte. Er ist bereits fort, doch wird ihr Brief schon zu ihm finden. Dafür wird der Vertreter der Bosch-Stiftung sorgen, er verspricht es ausdrücklich!
Es folgen Fotos und ein SWR-Interview, dann können wir feiern und das großartige Buffet genießen. Attraktion ist ein Schokoladen-Springbrunnen!

Was bleibt?

Der Aufwand um die Bewerbung hat viel Kraft und Anstrengung für viele Kollegen, Schüler und Eltern bedeutet. Er führt zu einem nicht hoch genug einzuschätzenden Erfolg in Form der Nominierung als eine unter 18 von 481 Schulen in Deutschland. Wir haben in den vergangenen Monaten ein großes Presseecho erhalten. Mehrere Artikel waren in der regionalen Tageszeitung zu lesen, grundsätzlich die pädagogische Arbeit würdigend. Die Nominierung hat uns in Überlingen und Umgebung sehr in das öffentliche Bewusstsein gehoben. Neben der Anerkennung durch Kollegen anderer Schulen, das Schulamt und Vertreter der Stadt freue ich mich besonders über die Freude unserer Schüler und Eltern. Eine tröstende Mail nach der Preisverleihung drückt die Bedeutung guter pädagogischer Praxis jenseits aller errungenen Preise aus: Hier bedanken sich Eltern bei uns für die beste Schule, die sie für ihre Tochter finden konnten! Dieser Dank und die in den verschiedenen Formen geäußerte Anerkennung werden dann umso fruchtbarer, wenn wir uns nun besonders und weiter um die Entwicklung unserer Schule bemühen. Denn: „Gute Schulen sind in Deutschland möglich“, aber sie können nur gut bleiben und/oder werden, wenn sie die immer neuen Herausforderungen annehmen und sich weiter entwickeln.
Wenn unsere Bewerbung um den Deutschen Schulpreis hierzu für unsere Schule beiträgt, dann war sie ein Gewinn und ein bedeutender Schritt in die Zukunft!